Tagebuch der Balkanreise vom Oktober 2010

Tagebuch der Balkanreise vom Oktober 2010. Dieses Jahr veranstaltet der Verein begehbar die Fortsetzung der Tour. Über Kroatien, Bosnien-Hercegowina gehts nach Montengro und Serbien! Vom 25. September bis 6. Oktober 2011. Jetzt anmelden!

28. September, Ljubljana – Laibach

Wir holen unsere Gäste am Bahnhof in Ljubljana ab. Das erste Nachtquartier beziehen wir im ehemaligen Gefägnis Celica, welches später in eine Jugendherberge umfunktioniert wurde. Später steht ein Spaziergang durch Ljubljana auf dem Programm. Miha erzählt uns was es mit dem Drachen auf der Brücke in Ljubljana auf sich hat. Nicht nur ist dieser Drache Symbol der Stadt und spielt eine grosse Rolle im Gründungsmythos derselben sondern er besitzt auch noch die besondere Gabe, Jungfrauen zu orten. Spaziert nämlich eine solche über die Brücke, vorbei am steinernen Drachen, wedelt dieser mit seinem langen Drachenschwanz; ja, so will es die Sage…

Nach einem Besuch auf dem Markt begeben wir uns zur Burg hinauf, von wo aus wir einen wunderschönen Ausblick auf Ljubljana haben. Ljubljana, das Paris des Ostens.

Als wir uns am Abend alle in unseren Zellen einschliessen, versuchen wir krampfhaft in uns ein Gefühl eines klaustrophobischen Gefängnislebens aufkommen zu lassen; vergeblich. Nicht nur dass der Schlüssel in die Freiheit auf unserem Nachttisch liegt, auch dass wir bereits dermassen in Ferienstimmung sind, dass uns kein Gefängnis der Welt behalten könnte.

29. September, Ljubljana – Predjamski Grad – Skocijanske Jame – Piran

Als wir nach einem ausgiebigen Frühstück unseren Fiat Ducato aus dem Parkfeld des Hostels fahren wollen stellen wir fest, dass man uns ganz gemein den Weg versperrt hat. Ein normales Auto hätte die Ausfahrt gemeistert, doch unser Gefährt ist keine Schmalspur-Karre. Zum Glück kennt der Hausmeister die „Katze“ welche er als Besitzerin des Range-Rovers weiss, welcher uns den Weg versperrt. Bald darauf sind wir unterwegs, hinaus aus der Stadt.

Unser Mittagessen nehmen wir vor der Kulisse des prächtigen Schlosses Predjamski Grad ein. Der Höhepunkt des Tages liegt im Besuch der Höhlen von Skocijan. Vielen mag es mit Höhlen-Besuchen gleich ergehen wie mir. Nämlich so, dass man im Leben schon genügend Stalaktiten und Miten gesehen hat (auch wenn man noch immer nicht sicher ist, welche nun von oben nach unten und welche von unten nach oben wachsen). Die Höhle von Skocijan hinterlässt bei mir aber dermassen starke Eindrücke, dass vor meinem inneren Auge noch Tage danach immer wieder Bilder von dieser Höhle auftauchen. Das Faszinierndste an der Höhle ist deren Ausmass. Auf einmal befindet man sich in einem gigantischen unterirdischen Canyon, tief unten rauscht der Fluss Reka und man wird eingehüllt in feinsten Dunst. Als die Führerin uns den historischen Besucherpfad zeigt, wirken die eingestürzten Mauern weit unten am Flussufer wie Szenerien aus Mordor. Wir stellen uns vor, wie die ersten Forscher in diese Höhle eingedrungen sind; ausgerüstet mit schwachen Karbidlampen, den tosenden Fluss unter sich, eine Höhle unbekannten Ausmasses über sich. Die Höhlen von Skocijan sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

Gegen Abend erreichen wir die slowenische Riviera. Wir stellen unsere Zelte auf einem Camping-Platz in der Nähe von Piran auf. Das Nachtessen kochen wir heute selber. Zum Glück verkauft der Abwart des Platzes uns eine 5 Liter Flasche hausgemachten Rotweines. Ein schweres Getränk, welches noch am nächsten Morgen in unseren Köpfen rumgeistert…

30. September, Piran – Motovun – Poklon

Beschwingt vom blauen Meer und warmen Wetter spazieren wir auf einem schönen Küstenweg direkt in die Altstadt von Piran. Piran (italienisch Pirano) gilt als das Juwel der slowenischen Riviera. Die slowenische Riviera ist gerade einmal 46 Kilometer lang und zählt geografische gesehen bereits zur Halbinsel Istrien. Ein Spaziergang durchs Städtchen macht deutlich, wie stark die östliche Adriaküste einst von Venedig beeinflusst wurde. Der geflügelte Markuslöwe, das Stadtsymbol Venedigs, prangt an gar manchen Häusern vom slownischen Piran bis in den tiefen dalmatinischen Süden.

Gegen Mittag legen wir die letzten Kilometer in Slowenien zurück. Die slowenischen Zollbeamten streiken, so dass wir mit zwei Stunden Wartezeit rechnen. Es stellt sich dann aber heraus, dass anscheinend alle in den Schengenraum einreisen wollen (dementsprechend lang ist die Autokollonne auf der kroatischen Seite). Wir sind jedenfalls die einzigen welche nach Kroatien fahren.

Einen längeren Mittagshalt machen wir im wunderschönen Städtchen Motovun. Motovun liegt im istrischen Inland, dort wo die Ferkel in der gleichen Häufigkeit sich wild im Wald tummeln und aufgespiesst am Grill sich drehen. Motovun beherbergt jeweils im Juli ein kleines Filmfestival. Das Städtchen, in welchem ich auf meiner Wanderung zwischen Weintrauben und Apfelbäumen nächtigte, liegt auf einer 280 Meter hohen Bergkuppe. Von den Stadtmauern aus hat man eine herrliche Aussicht auf das istrische Inland und ins Mirna-Tal hinein. Die Venezianer erreichten Motovun damals noch mit dem Schiff über den Fluss Mirna. Heute ist dies wegen der Versandung des Flusses nicht mehr möglich.

Am Nachmittag machen wir uns wieder auf den Weg in Richtung Küste. Doch vorerst sollten wir die Küste nur sehen und zwar von einer stattlichen Höhe aus. Unser Ziel ist der höchste Berg Istriens, der Ucka. Die Nacht verbringen wir unterhalb des Gipfels, in einer Berghütte auf dem 922 Meter über Meer gelegenen Poklon-Bergsattel. Wir geniessen die typisch istrische Küche (z.B. istrische Wildsau) und senden Beschwörungsformeln in die Luft, auf dass am nächsten Morgen wolkenloser Himmel sei, wenn wir uns auf den Weg zum Vojak machen…

1. Oktober, Poklon – Vojak – Mala Ucka – Cres – Krk (Stara Baska)

Es ist neblig und kühl als wir uns früh morgens (es ist ungefähr 9 Uhr) auf den Weg zum Gipfel machen. Der Vojak liegt auf stattlichen 1400 Meter über Meer. Bei klarem Wetter könnte man die gesamte istrische Halbinsel und auf der anderen Seite die Inseln der Kvarner Bucht sehen. Auf dem Gipfel angekommen zeigt sich das gleiche Wetter wie bei meinem letzten Besuch; dicker Nebel durch welchen mal hie und da eine Insel zu erahnen ist. Trotzdem ist Foto-Shooting angesagt, vielleicht lässt sich ja im Foto-Shop eine Insel hinein retouchieren…

Der Abstieg nach Mala Ucka ist anstrengender als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Weg ist steil und äusserst steinig. Zum Glück haben wir nur kleine Rucksäcke dabei… In Mala Ucka treffen wir alte Bekannte wieder. Maliki und seine Frau Sazije laden uns zu Kaffee, Käse und frisch gebackenen Brotes ein. Maliki und seine Frau leben seit 25 Jahren im kleinen Schäferdorf Mala Ucka. Beide stammen sie aus Tetovo, Mazedonien und sind albanisch sprechend. Maliki hat während zwei Jahren in Deutschland gearbeitet, spricht deshalb nebst kroatisch auch etwas deutsch. Auf meiner Wanderung durfte ich bei Ihnen übernachten. Für zukünftige Touren dürfen wir bei Maliki und Sazije mit einem feinen Mittagessen rechnen.

Die Fahrt hinunter an die Küste ist kürzer als ich gedacht habe. Eine kurvenreiche Strasse zieht sich vom Poklon aus hinunter zur Kvarner Bucht. Mit der Autofähre setzen wir am Nachmittag von Brestova aus nach Cres über. Die kroatische Inselwelt heisst uns willkommen! Cres ist voll mit wildem Salbei; Grund genug einen ausgiebigen Halt zu machen. Am späten Nachmittag setzten wir von Merag auf Krk über. Nachtessen gibt es erst gegen 21 Uhr abends auf dem Zeltplatz in Stara Baska. Es ist bereits dunkel als wir dort ankommen und so wissen wir noch nicht in welch traumhafter Gegend wir uns gerade befinden. Einmal mehr vergreifen wir uns am Abend an unserem slowenischen Rotwein, noch bleiben uns drei Liter davon übrig…

2. Oktober, Krk – Krk

Für einige von uns ist heute ein Ruhetag angesagt. Nach einem Vor-Frühstück Bad in der nicht gerade warmen Adria begeben wir uns gemeinsam in unserem Fiat Ducato ins nahegelegene Dorf Stara Baska. Stara Baska liegt am südlichen Ende der Insel Krk, dort wo es kaum mehr Vegetation gibt. Schuld daran sind nicht nur die Venezianer, die einst hungrig nach Bauholz, ganze Inseln gerodet haben. Schuld ist auch der äusserst starke Bura-Wind, welcher manchmal orkanartig über die Berge aufs Meer hinaus bläst. Ich persönlich bin den Venezianern und der Bura dankbar, denn ich liebe diese karge, wüstenähnliche Gegend. Ich fühle mich dort wie in eine andere Welt versetzt. Diese andere Welt will der eine Teil der Reisegruppe nun erforschen und so mache ich mich mit Dome und Miha auf den Weg hinauf auf den Berg in der Nähe von Stara Baska. Mit Natasa bin ich damals bis nach Baska, auf der anderen Inselseite gelaufen. Nun erst wird mir bewusst, dass wir damals nicht schlecht in Form gewesen waren, denn der Aufstieg ist steil und sobald die Sonne scheint wird es heiss und kein Schatten ist in Sicht. Miha, Dome und ich schlendern stundenlang über die kargen Hügel von Krk, längst haben wir den Wanderweg verloren, orientieren uns nur noch am Küstentreifen. Die Ruhe hier oben ist perfekt! Überall treffen wir auf langezogene Trockenmauern, die als Sperrmauern für die Schafe dienen, welche hier wild und in kleinen Gruppen sich über die letzten Grashalme hermachen. Auch kommen wir immer wieder auf terassenartige Plantagen, auf manchen wachsen noch Feigenbäume, die meisten sind aber bestimmt verlassen. Zeugnisse davon, dass in früheren Zeiten sogar hier versucht wurde, der Natur etwas Nahrung abzugewinnen. Irgend einmal klingt jedoch auch bei uns der Ruf der Wildnis ab. Als sich die Gespräche nur noch um kühles Bier drehen, wissen wir: es ist Zeit nach Hause zu gehen.

Für einige war es heute ein Ruhetag, andere gehen müder als sonst ins Bett.

3. Oktober, Krk – Senj – Jablanac

Während der morgendlichen Fahrt über die Insel Krk, stellen wir fest, dass die grösste der kroatischen Inseln auch eine fruchtbare und waldige Seite hat. Die Insel verlassen wir diesemal über die Franje Tudman Brücke (benannt nach dem ersten kroatischen Präsidenten), welche sie mit dem nahegelegenen Festland verbindet. Unser weitere Weg führt entlang der kroatischen Küsten-Magistrale bis ins historische Städtchen Senj. Wenn die Bura bläst, wird die Strasse bei Senj gesperrt, denn der orkanartige Nordwind, der hier über den niedrigsten Übergang im Velebitgebirge seinen Weg findet, kann Autos und Lastwagen von der Strasse blasen. Er wird mindestens ebenso gefürchtet wie damals die Piraten, welche in Senj eines ihrer Räuberlager hatten, in welchen sie die Schätze, die sie den Venezianern abspenstig machten, lagerten. Oberhalb des Städtchen steht die Uskokenfestung Nehaj. Das Städtchen und die Burg sind Kulisse im berühmten Jugendbuch „Die Rote Zora“ von Kurt Held. Die Uskoken sind ein serbisches und kroatisches Bauernvolk, das aus den türkisch besetzten Gebieten vertrieben wurde und sich in Senj ansiedelte. Als Piraten und Seeräuber verscherzten sie es sich sowohl mit den Venezianern als auch mit den Österreichern und wurden schliesslich wieder ins Binnenland vertrieben. Völlig ausgehungert (wir hatten mindestens seit zwei Stunden nichts mehr zu uns genommen…) setzten wir uns in eine Pizzeria. Der Andrang war gross, wir warteten eine Stunde auf unser Essen was dazu führte dass Dome eine Apfelinfusion erhielt um die Wartezeit zu überbrücken.

Unser Nachtlager finden wir schliesslich im Hafenstädtchen Jablanac. Als Natasa und ich letzten Herbst diesem Jablanac den Rücken zeigten, hätten wir nicht gedacht, dass wir so rasch wieder hierhin zurück kehren werden. Wie damals richten wir uns auch dieses Mal in der niedrigsten Beghütte Kroatiens (sie liegt auf 20 Meter über Meer) ein. Von dieser Hütte aus können Wanderungen ins Velebit Gebirge untenommen werden. Grund genug für den Alpin-Verein Kroatiens, hier ein Basislager zu errichten. Als Nachtlager dient uns ein sogenanntes Skloniste – Notschlafstelle. Später werden wir jedoch die Matratzen auf die Terasse hinaus befördern, zu sternenklar ist der Nachthimmel…

Am Nachmittag besuchen wir die Bucht Zavratnica. Für mich ist es das erste Mal, dass ich hier bin und meine Begeisterung ist grenzenlos. Nicht zu unrecht gilt Zavratnica als schönste Bucht in Kroatien, das Wasser könnte klarer nicht sein. Von der Küste aus sieht man ein im 1. Weltkrieg gesunkenes Schiff auf dem Meeresgrund; nächstes Mal muss ich Schnorchel und Maske mitbringen. Wir schwimmen im kühlen Meer (einige würden es als kalt bezeichnen) und geniessen die Ruhe in der menschenleeren Bucht. Am frühen Abend holt uns ein kleines Motorboot ab, um uns in ein Fischrestaurant zu bringen, welches nur vom Meer aus zu erreichen ist. Es stellt sich heraus, dass wir die letzten Gäste der Saison sind. Am nächsten Tag wollen die Betreiber des Lokals in ihr Winterquartier in Rijeka zurück kehren. Grund genug uns nochmals richtig zu verwöhnen. Auf dem Menuplan steht Riba ispod Peka. Ein riesiger Fisch welcher am Tag zuvor mit der Harpune aufgegabelt wurde und nun während drei Stunden im Feuer unter einer Metallglocke schmorte. Ein Glück dass niemand unserer Reisegruppe dermassen vegetarisch ist, als dass auch Fisch nicht gegessen würde; es wäre unverzeihlich…

In der Nacht, wir liegen alle in unseren Schlafsäcken auf der Terasse, fängt es leise an zu regnen. Ich schliesse die Augen und öffne sie wieder und schon funkeln erneut einzelne Sterne durch die undichten Wolken; und das war es dann auch schon bezüglich Regen.

4. Oktober, Jablanac – Trogir – Kastela

Es scheinen sich alle in Jablanac verliebt zu haben. Das Frühstück neben unserem Fiat Ducato direkt am Pier zieht sich ungewöhnlich in die Länge.

Unser nächster Halt liegt in Trogir, eine kleine Stadt wenige Kilometer vor Split. Auch der Charakter von Trogir wurde vorwiegend von venezianischen Architekten bestimmt. Im Gegensatz zu anderen Städten an der kraotischen Küste findet man hier jedoch keine geflügelten Markuslöwen. Dies liegt daran, dass die dalmatinischen Bewohner des Städtchens die Machtsymbole Venedigs kurzerhand abmonierten, nachdem Mussolini verlauten liess, Italien erstrecke sie soweit, wie der geflügelte Löwe anzutreffen sei.

Es ist Nachmittag als wir den Aufstieg zu unserem Nachtlager beim Schnapsbrennen Ivo im Kosijak-Gebirge in Angriff nehmen. Wie parken unser Auto unterhalb des Kosijak bei Kastel Kambelovac, etwas ausserhalb von Trogir. Nur noch wage kann ich mich an den Weg erinnern, welcher ich vor knapp einem Jahr zurück gelegt habe und es ist längst schon dunkel, als wir die improvisierte Berghütte erreichen, in welcher Ivo und Marijo bereits daran sind, das Abendessen für uns vorzubereiten. Auf dem Menuplan steht einmal mehr ein Peka-Gericht (die berühmte Metallglocke). Da Ivo bei unserer Ankunft erst gerade dabei war die Karotten zu schälen und in Anbetracht dessen, dass das ganze zwei Stunden unter der Glocke schmoren muss haben wir ausreichend Zeit, es uns in der Küche beim offenen Kaminfeuer (eine andere Lichtquelle ausser Kerzen gab es nicht) gemütlich zu machen.

Das Nachtessen lässt absolut nichts zu wünschen übrig! Ivo ist für mich der beste Peka-Koch in ganz Dalmatien. Zu wünschen übrig lässt dann aber das Nachtlager an sich. Ivo verweist uns auf das Matratzenlager im Keller. Niemand will zuerst den Sissy spielen und so legt man sich in die Schlafsäcke gehüllt auf die muffigen Matratzen. Bald einmal erkennen wir aber, dass es in diesem Keller von Mäusen nur so wimmelt und als jemand einen kleinen, grauen Freund Auge in Auge hat wird es uns allen zu viel. So verteilen wir uns schliesslich auf Tische und Bänke im Raum neben der Küche, wo uns ein Angriff der Mäuse weniger wahrscheinlich scheint. Diese Nacht ist definitiv nichts für Warm-Duscher.

5. Oktober – Kastela – Split – Omis – Momici (Neretva Delta)

Heute morgen wünschen wir uns alle eine warme Dusche. Doch dieser Wunsch muss noch bis zum Abend hinhalten. Vorerst gilt es von Ivo, seiner liebenswerten Küche und den Mäuse-Familien Abschied zu nehmen. Bei Tageslicht erscheint mir der schöne Pfad hiunter nach Kastela Kambelovac nicht halb so lang. Schliesslich wird man ja auch mit einer tollen Aussicht beschenkt, vor sich endlich einmal das offene Meer (eine Seltenheit an der kroatischen Küste) und im Süden der überhaupt nicht historisch anmutende Neustadt-Teil von Split; unser nächstes Reiseziel.

Am frühen Vormittag erreichen wir Split mit seinem berühmten Diokletianpalast. Nachdem wir unseren Appetit in einem Kaffee gestillt haben begeben wir uns in die Altstadt welche einem gigantischen Freilichtmuseum gleicht. Das Herzstück der Altstadt bildet zweifelsohne der brühmte Diokletianpalast. Der römische Kaiser Diokletian, um 240 n.Chr. in Salona geboren (antike Stadt in unmittelbarer Nähe des heutigen Split), liess in seiner Regierungszeit (284-305) in nur 10 Jahren einen 30.000 m2 grossen, viereckigen Palast mit 16 Türmen, prachtvoller Südfassade und vier Tempeln als Altersruhesitz mit „Kurzentrum“ aus der Erde stampfen. Dem Diokletianpalast ist es zu verdanken, dass die Touristen Jahr für Jahr in Scharen nach Split kommen.

Wir schlendern vorerst einmal über den wirklich schönen Markt von Split. Die Art des Marktes erinnert mich in seiner „Unaufgeräumtheit“ und Hektik fast schon ein Bisschen an das, was uns später in Bosnien erwarten würde. Später spazieren wir durch die schmalen Gässchen und über die prächtigen Plätze von Split und schauen den Katzen zu, wie sie sich wohlig in der Sonne räkeln.

Wir haben noch ein hehres Ziel zu erreichen an diesem heutigen Tag. Wir wollen noch bis ins Neretva Delta fahren, wo wir uns dann auch von der Adria und bald einmal von Kroatien werden verabschieden müssen. Die rund 120 Kilometer entlang der kroatischen Küstenmagistrale in den Süden bieten viele wunderschöne Aussichten. Mal fährt man direkt am Meer, mal geht es wieder steil hinauf und man sieht die Adria weit unter sich in der Sonne funkeln. Seit vor einigen Jahren die Autobahn, welche einige Kilometer ins Landesinnere versetzt sich von Norden nach Süden zieht, fertiggestellt wurde, zwängen sich viel weniger Autos der kurvenreichen Küstenmagistrale entlang. Jedenfalls im Herbst fährt es sich hier sehr angenehm.

Kurz nach der Hafenstadt Ploce haben wir unseren südlichsten Punkt in Kroatien erreicht und müssen uns auch vom Meer verabschieden. Meine Cousine Beatrice weint dem stillen Wasser einige Tränen nach, die ich im Schnapsglas welches melancholisch die Runde macht aufzufangen versuche. Ein letztes Mal stossen wir auf die Adria an, auf das Mare Nostrum.

Unser Nachtlager finden wir heute im Neretva-Delta, in einer Herberge in der kleinen Ortschaft Momici nur einige Kilometer vom Grenzübergang zu Bosnien-Herzegowina entfernt. Wir geniessen nach zwei Tagen „Wildnis“ eine ausgiebige Dusche.

Das Abendessen ist ein durchaus würdiger Abschluss in Kroatien, denn der Zufall will es, dass im kleinen Restaurant mit uns zusammen eine Grupper Lehrer den Nationalen Feiertag der Lehrkräfte feiert. Es gibt Schnaps, Live-Musik und das wohl ausgiebigste Essen während der ganzen Reise. Mitleid heischend schaut uns Natasa an, als die Kellnerin zu ihr hintritt und ihr die Speisekarte vorsagt (schriftlich gibt es nichts…). Natasa übersetzt und wir einigen uns darauf, dass es für die Fleischis eine kleine Portion Fleisch gibt und für die Vegis Gemüsereise und Palacinke. Es stellt sich heraus, dass man mit der kleinen Portion Fleisch ein ganzes Gymnasium hätte ernähren können und so wird dann an diesem Abend reingehauen was das Zeug hält. Als die Lehrer anfangen das Tanzbein zu schwingen sind auch wir drauf und dran in den Reigen einzusetzen. Wir lassen es dann aber bleiben und zumindest in dieser Hinsicht scheinen sich Schweizer und Slowenen nicht unähnlich zu sein; wir sind nicht die temperamentsvollsten Typen.

6. Oktober, Momici – Metkovic – Pocitelj – Blagaj – Mostar

Das Neretva-Delta ist ein äusserst fruchtbares Gebiet welches sich von der bosnischen Grenze bis an die Adria erstreckt. In diesem Gebiet, welches von zahlreichen Kanälen durchzogen ist gedeihen Feigen, Mandarinen und Orangen. Von unserer Pension aus könnten wir einen Ausflug in eine Plantage unternehmen um eigenhändig unsere Orangen zu pflücken. Uns zieht es aber nach Bosnien-Herzegowina. Und so machen wir uns am Morgen auf den Weg zur Grenze. Seit frühester Zeit war das Neretva-Delta ein wichtiger Zugang ins Hinterland; von hier aus gelangt man via Metkovic nach Mostar und Sarajevo. Am heutigen Tag werden wir bis Mostar einen ständigen Begleiter haben, die Neretva. Dieser Fluss, welcher in den bosnischen Bergen entspringt, zieht sich über 220 Kilometer durch Täler und Schluchten hindurch bis an die Adria.

Wir haben es geschafft und befinden uns in Bosnien-Herzegowina, dem dritten Land unserer Reise. Für mich persönlich bedeutet es sehr viel wieder hier zu sein, verbrachte ich doch letzten Winter mehr als drei Monate in diesem Land, vorwiegend in der Hauptstadt Sarajevo. Unser erster Halt in Bosnien-Herzegowina machen wir kurz nach der Grenze. Am Strassenrand liegt das wunderschöne mittelalterliche Städtchen Pocitelj. Als die Türken ab dem 15. Jahrhundert immer mehr nach Bosnien-Herzegowina vorrückten nahmen sie schliesslich auch die stark befestigte Stadt Pocitelj ein. Hier errichteten sie eine Moschee, ein Medresse, ein türkisches Bad und ein Han, welches damals als Herberge für Durchreisende diente. Pocitelj bildete während etwa 400 Jahren eine der Aussengrenzen des Osmanischen Reiches und wude demnach auch stark befestigt. Hier in Pocitelj begnen wir auf einmal dieser orientalischen Kultur, welche uns nun während der nächsten drei Tage begleiten wird. Dass die Unterschiede zwischen Orient und Okzident nicht nur in Kirchturm und Minarett liegen, konnte ich während meiner Zeit in Sarajevo erfahren.

Ein zweiter Halt vor Mostar legen wir beim Derwisch-Kloster Blgaj an der Buna-Quell ein, für mich persönlich einer der schönsten Orte die ich in Bosnien und Herzegowina kenne. Das Kloster wird heute nur noch zu besonderen Anlässen von Derwischen aufgesucht, damit sie an diesem Kraftort ihre Rituale abhalten können. Ansonsten ist es für Besucher geöffnet. Zu bewundern ist ein für die damaligen Verhältnisse mit einer hauseigenen Mühle, mit Bad und Bodenheizung modern ausgestattetes Kloster. Sitzt man in einem der altem Räume auf einem Kissen am Boden verspürt man Lust hier einfach sitzen zu bleiben; eine wohltuende Ruhe geht von diesem Haus aus.

Ziel des heutigen Tages ist die Stadt Mostar. Fährt man mit dem Auto nach Mostar hinein, will man vorerst einmal nicht begreifen, weshalb alle Besucher von diese Stadt an der Neretva schwärmen. Links und rechts der Strasse nichts als zerschossene und zerbombte Häuser, Ruinen und Wunden aus den Kriegsjahren 1992-1994. Es ist nicht leicht, die Ereignisse dieser Zeit in wenigen Worten begreiflich zu machen und ich will es an dieser Stelle auch gar nicht erst versuchen. Nur soviel soll erwähnt sein. All das was wir an Mostar, seiner Altstadt und der alten Brücke über die Neretva so sehr bewundern, ist eine getreue Replik dessen, wie es vor dem Krieg ausgesehen hat. Denn in der Altstadt von Mostar stand nach dem Krieg kein Haus mehr mit einem Dach. Die Brücke über die Neretva spannt sich heute zwar wieder genau so über den blauen Fluss wie sie der berühmte türkische Baumeister Mimar Hairudin Mitte des 16. Jahrhunderts entwarf und bauen liess, es ist aber dennoch nicht dieselbe Brücke. Es ist eine genaue Kopie der Stari Most; wo die Seele der Brücke heute liegt, ob im Wasser der Neretva oder noch immer im Stein der Brücke, das zu entscheiden überlassen wir lieber den Menschen aus Mostar.

Unser Nachtlager finden wir im Hostel Majdas, wo letztes Jahr auch Natasa und ich abgestiegen sind. Das Hostel befindet sich in einem Wohnblock auf der kroatischen Seite der Stadt. Majda und ihr Bruder Bata haben hier vor vier Jahren damit begonnen, in ihrer ehemaligen Wohnung ein Hostel einzurichten; dies mit grossem Erfolg. Heute zählt das kleine Hostel in Mostar zu den beliebtesten in ganz Europa und die Betten sind fast das ganze Jahr über besetzt.

7. Oktober, Mostar – Sarajevo

Am Morgen besuchen wir nochmals die Altstadt von Mostar. Im Museum der Stari Most (Alte Brücke) erfahren wir, wie schwierig es für die Architekten und Ingenieure gewesen ist, die alte zerbombte Brücke im alten Stil wieder aufzubauen. Man hat versucht, wie es damals Mimar Hairudin vollbracht hatte, die Brücke ohne moderne Hilfsmittel wieder aufzubauen. Und man hat es nicht geschafft… Zwar steht seit 2004 die Brücke wieder, doch musste man auf Technologien zurück greifen, die man zu Hairudins Zeit noch nicht gekannt hatte.

Unseren Besuch in Mostar beenden wir mit der Ersteigung der ehemaligen Nationalbank in Mostar. Seit dem Krieg steht das sieben Stöckige Gebäude als Ruine im Zentrum der Stadt. Im dritten Stock flattern seit mehr als 15 Jahren Personaldossiers im Wind welcher durchs fensterlose Gebäude zieht. Von der Dachterasse aus erstreckt sich der Blick weit über die Stadt Mostar hinweg.

Wir sind unterwegs nach Sarajevo. Die Strasse in die Hauptstadt zieht sich von Mostar aus vorerst weiterhin der Neretva entlang. Es ist eine wunderschöne Strecke und für einmal wollen sogar Dome und Gisu vorne im Bus sitzen.

Gegen Nachmittag erreichen wir die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Doch vorerst einmal gehen wir nicht ins Stadtzentrum, in die Bascarscija, wo wir diese Nacht in einer Pension übernachten werden. Auf einer kleinen Schotterstrasse erreichen wir kurz vor 17 uhr ein unauffälliges Haus. Da ich meinen Gästen noch nicht erzählt habe, was uns dort erwarten würde, betreten alle nichtsahnend das Tunnelmuseum von Sarajevo. Unglücklicherweise trifft gleichzeitig mit uns eine 50-köpfige, türkische Reisegruppe im kleinen Museum ein. Da das Museum bald schliessen wird bleibt uns nichts anderes übrig, als uns gemeinsam mit den anderen Gästen den Dokumentarfilm über die Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 anzuschauen. Ich wollte vorher etwas erklären, meine Gäste darauf vorbereiten. Ich kann nur erahnen, dass der Besuch im Tunnelmuesum ein harter Einstieg nach Sarajevo darstellt. Doch es ist ein Teil der neusten Geschichte der Stadt, welchen man unbedingt kennen muss, wenn man hier hin kommt; die Belagerung von Sarajevo forderte in dreieinhalb Jahren 10’000 Tote.

Für mich ist es eine grosse Herausforderung Sarajevo den Gästen näher zu bringen. Eine Stadt die ich wirklich ins Herz geschlossen habe und über die ich so viel weiss wie wohl über keine andere Stadt. Ich habe mir zu viel vorgenommen, das weiss ich.

Unser Nachtlager finden wir in der Pension Lion, mitten im Herzen der türkischen Altstadt, der Bascarsija.

8. Oktober, Sarajevo – Sarajevo

Ein ganzer Tag in Sarajevo, wo soll man da beginnen. Da jeder an diesem Tag etwas anderes erlebt hat und da die Erlebnisse und Eindrücke eines jeden unterschiedlich sind, möchte ich in diesem Reisebericht nur von einem Erlebnis erzählen. Von unserem Besuch bei Azra, Sefika und Mindele.

Wir sind zum Nachtessen im Bistrik Stadtviertel eingeladen worden. Azra hat sich vorgängig mit Natasa bezüglich des Menuplanes abgesprochen. Es war kein Leichtes für Natasa gewesen, Azra klarzumachen, dass drei Personen in unserer Gruppe kein Fleisch essen werden (der Begriff Vegetarier ist in Bosnien kaum bekannt). Endlich schien Azra verstanden zu haben was Natasa wollte; Burek mit Fleisch und eine vegetarische Hühnersuppe.

Am spätem Nachmittag besteigen Miha, Beatrice, Erika, Natasa und ich schliesslich ein Taxi welches uns zu Sefika und Azra bringen wird. Dome liegt leider mit einer Magenverstimmung im Bett und wird von Martina umsorgt. Sefika empfängt uns vor ihrem kleinen Häuschen und bittet uns auch gleich einzutreten. Die Stube ist aufgeräumt und es wurde vorgänglich gemütlich eingeheizt. Kaum haben wir es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht beginnt Azra Essen aufzutischen und sie hört nicht damit auf, bis wir keinen Bissen mehr hinunter kriegen. Erst jetzt kommt die 45 jährige Frau etwas zur Ruhe und setzt sich zu uns an den Tisch. Früher, vor und während dem Krieg habe sie in genau diesem Raum zusammen mit ihrem Bruder ein Kaffeehaus geführt. Bis spät nachts seien hier die Soldaten aus und eingegangen, zum Schlafen sei man damals kaum gekommen. Heute geht es in Azras Leben ruhiger zu und her. Über Wasser hält sie sich und ihren Sohn dank der Unterstützung ihres Bruders und dem Verkauf von selber gehäkelten Tüchern, welche sie im Sommer auf dem Markt unten in der Stadt feil bietet. Meine Idee ist es, dass ich in Zukunft mehrmals pro Jahr mit einer kleinen Reisegruppe bei ihr zu Besuch kommen könnte. Sie würde für uns kochen und dafür selbstverständlich bezahlt werden. Zuerst scheint es so, als würde sie das Angebot kaum interessieren. Als sie schliesslich aber die Bezahlung für das Essen erhält, beginnt sie aufzuzählen was sie alles kochen kann. In ihrem Redeschwall ist Azra nun nicht mehr zu bremsen und als wäre es nicht genug beginnt nun auch noch Grossmutter Sefika aufzuzählen welche Speisen ihre Tochter eventuell zu erwähnen vergessen hat. Dass wir nächstes Mal wieder in die Ascinica (so werden Gaststuben hier auch genannt) Azra einkehren werden ist sicher. Zum Abschied drückt sie uns allen ein selbstgehäkeltes Tuch in die Finger; etwas das sie selber mehrere Stunden oder sogar Tage Arbeit gekostet hat. Doch Arbeit wird hier nicht gleich gewertet wie bei uns. Und Natasa hat auch darin Recht wenn sie sagte: In Bosnien beschenkst du jemanden und wirst anschliessend von dieser Person dreifach „zurück“ beschenkt.

9. Oktober, Sarajevo – Zagreb

An diesem Tag ist Autofahren angesagt. Wir haben einen weiten Weg von der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas in die Hauptstadt Kroatiens vor uns.

Als wir uns am morgen früh von Sarajevo verabschieden wissen wir alle Bescheid; die diesjährige Balkanreise geht ihrem Ende entgegen.

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